
Wenn von Meditation die Rede ist, denken viele zuerst an Indien oder Myanmar. Doch kein anderes Land der Welt hat seine buddhistische Tradition so ununterbrochen über einen derart langen Zeitraum bewahrt wie Sri Lanka. Als kürzlich bekannt wurde, dass der Inselstaat 2026 zum weltweit führenden Wellness-Reiseziel gekürt worden ist, erschien das fast folgerichtig. Dieser Ruf ist schließlich nicht innerhalb von ein oder zwei Tagen entstanden.
Warum ausgerechnet Sri Lanka? Eine Verbindung, die seit 2.500 Jahren besteht
Die Geschichte reicht bis ins 3. Jahrhundert vor Christus zurück. Der Mönch Mahinda, Sohn des indischen Herrschers Ashoka, kam nach Sri Lanka und traf König Devanampiya Tissa. Der König und seine Untertanen ließen sich von Mahindas Lehren überzeugen und nahmen den Buddhismus an – Sri Lanka wurde offiziell zu einem buddhistischen Staat. Später brachte Mahindas Schwester, die Nonne Sanghamitta, einen Zweig jenes Bodhi-Baums aus Indien nach Anuradhapura, unter dem Buddha die Erleuchtung erlangt haben soll. Der Baum steht bis heute und gilt als der älteste historisch dokumentierte lebende Baum der Welt. Einer Legende zufolge soll Buddha Sri Lanka neun Monate nach seiner Erleuchtung selbst besucht haben. Unabhängig davon, ob diese Erzählung historisch zutrifft, zeigt sie, welch besondere Bedeutung die Verbindung zwischen der Insel und dem Buddhismus seit jeher hat.
Für alle, die meditieren, gibt es noch eine weitere bemerkenswerte Tatsache. Als im 1. Jahrhundert vor Christus Hungersnöte und politische Unruhen drohten, die bis dahin nur mündlich überlieferten Lehren auszulöschen, versammelten sich Mönche in Sri Lanka im Aloka Vihara. Dort hielten sie den Pali-Kanon, also die Schriften, die heute die Grundlage der Vipassana-Praxis bilden, erstmals schriftlich fest. Anders gesagt: Auf dieser Insel wurden die Grundlagen der Meditation, wie wir sie heute lernen, zum ersten Mal niedergeschrieben. Diese Tradition riss nie ab. Noch heute sind etwa 70 Prozent der Bevölkerung Sri Lankas buddhistisch, und die Praxis ist tief im Alltag verankert.

Die Wiederbelebung der Vipassana-Meditation: 1955 kamen vier Mönche aus Myanmar
In der Neuzeit erlebte Sri Lankas Meditationstradition einen weiteren großen Aufschwung. Das Jahr 1956 wurde in der buddhistischen Welt als 2.500. Jahrestag der Geburt Buddhas begangen. Im Vorfeld entstand im ganzen Land eine Bewegung zur Erneuerung des Buddhismus. Premierminister John Kotelawala suchte damals nach einer Möglichkeit, den Menschen konkret zu helfen. U Ba Lwin, der Botschafter Myanmars in Sri Lanka, schlug vor, Vipassana, also die Einsichtsmeditation, im Land zu verbreiten. Dies könne den Menschen zu wahrer Zufriedenheit verhelfen. Daraufhin wurde die Lanka Vipassana Bhavana Samithiya gegründet, auf Deutsch die Sri-Lanka-Gesellschaft für Einsichtsmeditation.
Am 28. Juli 1955 betraten dann vier Mönche aus Myanmar sri-lankischen Boden, unter ihnen U Sajata, ein enger Vertrauter des renommierten Meditationslehrers Mahasi Sayadaw. Mit ihrer Anleitung und dank des engagierten Einsatzes der örtlichen Bevölkerung entstand in Kanduboda, einem ruhigen Dorf 25 Kilometer von Colombo entfernt, innerhalb von nur sechs Monaten ein Meditationszentrum. Am 8. Januar 1956 wurde es offiziell eröffnet. Dort wird Vipassana nach der Tradition von Mahasi Sayadaw gelehrt: Die während jedes Augenblicks im Körper und im Geist entstehenden Empfindungen werden bewusst wahrgenommen und benannt. Bemerkenswert ist, dass diese Tradition bis heute fortbesteht. Das Meditationszentrum in Kanduboda bietet bis zu 70 Menschen Platz und nimmt Besucher aus aller Welt auf – ohne Gebühren für Unterkunft, Verpflegung oder Unterweisung. Wer den Wunsch hat, Meditation zu lernen, wird aufgenommen, unabhängig von Nationalität oder finanziellen Verhältnissen.

Orte der Praxis bis heute: Rockhill und Nilambe
Auch nach Kanduboda entstanden in Sri Lanka weitere Orte, die ausländischen Praktizierenden offenstanden. Ein Beispiel ist die Rockhill Hermitage an einem Berghang bei Kandy, die auch von Colombo aus gut erreichbar ist. Große Felsen und Felsplatten, die der Anlage ihren Namen gaben, bilden dort natürliche Höhlen. Auf dem 15 Acre großen Gelände verteilen sich ein Kloster, ein Bereich für Männer, ein Nonnenkloster und ein Bereich für Frauen. Rockhill zählt insbesondere zu den wenigen Orten in Sri Lanka, an denen Frauen allein in einer kleinen Hütte mitten in der Natur praktizieren können. Zu Beginn jedes Monats findet dort ein zehntägiger Intensivkurs statt. In den ersten drei Tagen lernen die Teilnehmer Anapanasati, die Konzentration auf Ein- und Ausatmung. Die verbleibenden sieben Tage dienen der Entwicklung eines tiefen Verständnisses für sich selbst und andere.
Der Gründer, der Mönch Bhante Kassapa, lehrte mehr als 35 Jahre lang Vipassana und Dhamma. Dabei reiste er nach Australien, Dänemark, Großbritannien, Deutschland, Indien, Neuseeland, in die Niederlande und in weitere Länder, um seine Lehren zu verbreiten. Er starb 2016. Bemerkenswert ist, dass der Mönch Dhammacari, der ihn 35 Jahre lang begleitet hatte, den Unterricht bis heute auf Englisch und Singhalesisch fortsetzt. Das Engagement eines Einzelnen wirkt damit über Generationen hinweg weiter.
Auch Nilambe nahe Kandy darf nicht fehlen. Sobald Besucher dort ankommen, müssen sie ihre Mobiltelefone ausschalten und die Verbindung zur vernetzten Welt vollständig kappen. Ein kurzer Zwischenstopp ist nicht möglich: Die Teilnehmer müssen zu Beginn des festgelegten Programms anreisen und bis zum Ende dabei bleiben. Jeden Morgen werden sie vom Klang eines Gongs geweckt und beginnen den Tag unmittelbar mit einer geführten Meditation. Auch einfache Arbeiten, die als Walking Meditation bezeichnet werden, gehören zur Praxis. Nilambe nimmt seit Langem ausländische Besucher auf und ist bis heute eines der bekanntesten Meditationszentren für Laien, das Praktizierende aus aller Welt unabhängig von ihrem Geschlecht empfängt.
2026 weltweit auf Platz eins – dank 2.500 Jahren Tradition
Vor diesem Hintergrund wirkt die jüngste Rangliste kaum überraschend. Einer aktuellen Untersuchung der Reiseinformationsplattform BookingRetreats.com zufolge stieg der Online-Traffic von Reisenden, die nach Wellness-Erlebnissen suchten, in Sri Lanka im Vergleich zum Vorjahr um 100 Prozent. Damit wurde das Land zum weltweit gefragtesten Wellness-Reiseziel für 2026 gekürt. Der Zuwachs war größer als bei jedem anderen Reiseziel weltweit, einschließlich Australien. Nach Berichten sri-lankischer Medien dürfte die Auszeichnung der Tourismusbranche des Landes, die sich nach mehreren schwierigen Jahren auf einem Erholungs- und Wachstumskurs befindet, zusätzlichen Auftrieb geben. Die Praxis, deren Samen der Mönch Mahinda vor 2.500 Jahren pflanzte und die buddhistische Mönche aus Myanmar 1955 erneut zum Blühen brachten, rückt erst jetzt in den Blick der Weltöffentlichkeit.

Wo Ayurveda und Meditation zusammentreffen
Die lange Tradition wird inzwischen auch in die Sprache heutiger Reisender übersetzt. Santani nahe Kandy bietet umfassende Wellnessprogramme, die mit einer Diagnose durch einen Ayurveda-Facharzt beginnen, außerdem täglich Hatha-Yoga in der Gruppe und geführte Spaziergänge durch die Natur. Im Ulpotha Yoga and Ayurveda Retreat, das in einem schlichten Bio-Bauerndorf liegt, finden täglich Meditationen auf dem gesamten Gelände statt. Die Gäste können zwischen Gruppen- und Einzelmeditation wählen. Das Talalla Retreat an der Südküste gilt als Ort, an dem sich Erholung und Meditation mit unbeschwertem Genuss unter der Sonne verbinden lassen. Das seit Jahrtausenden überlieferte Ayurveda-Erbe gilt weiterhin als einer der stärksten Anziehungspunkte für Wellnessreisende. Sowohl die Regierung als auch der private Sektor bauen ihre Investitionen in diesem Bereich aus.
Eine authentische Praxis in wohltuender Abgeschiedenheit
Bemerkenswert ist, dass Sri Lanka trotz all dieser Traditionen und der wachsenden Aufmerksamkeit als Reiseziel noch immer nicht überlaufen ist. Nach den jüngsten Besucherstatistiken lag der Anteil der Einreisen zu Gesundheits- und Ayurveda-Zwecken im Besucherbericht für Juni 2026 bei lediglich 0,3 Prozent. Anders gesagt: Sri Lanka ist weit entfernt von der geschäftigen Atmosphäre berühmter Retreats auf Bali oder in Thailand. Wer schon einmal zum Meditieren verreist ist und erlebt hat, wie Lärm und Menschenmengen die Konzentration stören, weiß, wie wertvoll diese Ruhe sein kann. Dass eine 2.500 Jahre alte Tradition bis heute lebendig und nicht zur Touristenattraktion gemacht worden ist, bleibt Sri Lankas größte Stärke als Reiseziel für Meditationsretreats.
