
Es gibt einen Menschen, der den alten Satz „Wenn ich morgens den Weg erkenne, kann ich abends ohne Bedauern sterben“ zu seinem lebenslangen Leitmotiv gemacht hat: Jeong Sun-il, emeritierter Professor der Wonkwang-Universität. Er studierte am Fachbereich Won-Buddhismus der Wonkwang-Universität und promovierte an derselben Universität in Buddhismus. Anschließend arbeitete er als Postdoktorand am Fachbereich Indische Philosophie der Universität Tokio. An seine Alma Mater zurückgekehrt, leitete er das Jeongyeokwon und die Graduate School of Oriental Studies. Über viele Jahre bildete er Tee- und Meditationsexperten aus.
Nun hat er ein 656 Seiten starkes Buch vorgelegt. Es trägt den Titel „Meditationsontologie“. Beim jüngsten Book Concert erzählte er ruhig, bisweilen mit einem Lächeln, wie lange er um die Vollendung dieses einen Bandes gerungen hatte.
20 Jahre für das Inhaltsverzeichnis, 33 Fassungen des Manuskripts
Professor Jeong Sun-il sagte, er habe schon in jungen Jahren verschiedene Lehrer aufgesucht und bei ihnen gelernt. In den 1980er-Jahren traf er auch den Einsiedler Muhak. Dennoch lösten sich die inneren Verhärtungen nicht ohne Weiteres. Er hatte sein ganzes Leben lang Quellen geordnet und Systeme entwickelt, doch gerade die Welt der Meditation ließ sich nur schwer in eine Ordnung bringen.
Allein die Struktur des Inhaltsverzeichnisses für die „Meditationsontologie“ habe 20 Jahre gedauert, berichtete er. Jedes Mal, wenn er einen Entwurf fertiggestellt habe, ließ er ihn ausdrucken. Das Inhaltsverzeichnis der nun erschienenen Ausgabe sei bereits die 33. Fassung, sagte er. Die im hohen Alter gewonnenen inneren Einsichten und Erfahrungen mit Energie stellten sich nicht in einer geordneten Reihenfolge ein. Das Buch sei aus der Arbeit hervorgegangen, diese mal hier, mal dort auftauchenden Erfahrungen zu sortieren und mit einer theoretischen Grundlage zu versehen, erklärte er. Als er bei der Veranstaltung eine Spur nach der anderen aus diesen 33 Fassungen nachzeichnete, lag in seiner Stimme die für lange gereifte Erkenntnisse typische Gelassenheit.
Warum ausgerechnet „Ontologie“?
Ontologie ist ursprünglich ein philosophischer Begriff. Sie bezeichnet die Lehre vom Sein, einen der großen Bereiche der Philosophie neben Erkenntnistheorie und Werttheorie, und gehört zum Gebiet der Metaphysik. In jüngerer Zeit findet das Wort jedoch auch in einem anderen Zusammenhang Beachtung: in der künstlichen Intelligenz. Wissenschaftler bezeichnen als Ontologie den Versuch, fragmentierte Algorithmen und Informationen in einer einheitlichen Bedeutungsstruktur zusammenzuführen.
Als Professor Jeong Sun-il erklärte, er habe sein Buch „Meditationsontologie“ genannt, habe ein befreundeter Professor, der sich mit KI-Ontologien beschäftige, erfreut und überrascht reagiert, erzählte er. Auch sein eigenes Vorhaben in diesem Buch sei vergleichbar. Jeder Meditationslehrer behaupte, seine Methode sei die beste. Meist lehrten sie, wie man die Augen schließt oder atmet. Warum man meditieren solle, erklärten sie hingegen nur selten, kritisierte er. Von diesem „Warum“ gehe das Buch aus.
Den Ausgangspunkt der Meditation nicht im Geist, sondern im Universum suchen
Das Bild, das Professor Jeong Sun-il entwirft, ist groß. Das Universum begann mit dem Urknall und wird sich eines Tages wieder zu einer Einheit zusammenfügen. Die Welt, die kleiner als ein Staubkorn ist, und das gewaltige Universum seien ihrem Wesen nach ein und derselbe Körper. Den Menschen beschrieb er als Mikrokosmos, Meditation als den Versuch, das Leben des Menschen als Mikrokosmos mit dem Atem des Makrokosmos in Einklang zu bringen.
Auf diesem theoretischen Fundament habe er die kosmische Emergenztheorie in vier Stufen gegliedert. Als dazugehörige Übungsmethoden habe er acht Stufen der reduktiven Meditation und zwei Stufen der Manifestationsmeditation hinzugefügt und so ein insgesamt sechzehnstufiges System entwickelt, sagte er. Einige derjenigen, die das Buch vorab gelesen hatten, hätten erklärt, nun zeichne sich inmitten des Nebels ein Weg ab. Andere hätten sich besorgt gefragt, ob man wirklich so viel offenlegen dürfe. Jeong Sun-il habe ihnen geantwortet, im Zeitalter der KI müsse man so viel preisgeben.
„Meditation ist der letzte Rettungsspieler der Zivilisation“
In der Fragerunde wollte ein Zuhörer wissen, welche Bedeutung Meditation in einer Zeit habe, in der KI die Menschen offenbar vereinheitliche. Jeong Sun-ils Antwort fiel schwerwiegend aus. Das Zeitalter sei angebrochen, in dem KI selbst eine noch leistungsfähigere KI hervorbringen könne. Wenn sich die Entwicklung so fortsetze, könnte die Menschheit innerhalb von zehn Jahren in eine Krise geraten, sagte er.
Die Menschheit könnte die Kontrolle über eine Superintelligenz verlieren, und die Folgen könnten größer sein als bei einer Klimakatastrophe. In einer solchen Lage, erklärte er entschieden, sei Meditation der letzte Rettungsspieler der Zivilisation. An dieser Stelle wurde die Atmosphäre im Saal für einen Moment spürbar schwerer.
Auf die Frage, ob Erleuchtung auch ohne Übung möglich sei, gab er eine Antwort in drei Teilen. Wer in einem früheren Leben bereits ausgiebig praktiziert habe, könne augenblicklich erwachen. Wer lange genug im Kreislauf der Wiedergeburten ausharre, könne irgendwann ans Ziel gelangen. Meditation sei eine Abkürzung, die diese Zeit und das damit verbundene Leid verkürze. Er verglich dies mit einer Verkürzung der Dauer des Militärdienstes und brachte damit das Publikum zum Lachen.
Auf die Frage, woran sich der Eifer von zwanghafter Anhaftung unterscheiden lasse, antwortete er überraschend nüchtern. Auch Meditation könne süchtig machen. Wenn man ohne Meditation unruhig werde, unterscheide sich dieser Zustand nicht mehr von einer Alkohol- oder Tabakabhängigkeit. Der Wille zur beharrlichen Übung sei zwar notwendig, fügte er hinzu. Zunächst müsse man jedoch prüfen, ob dieser Wille aus innerer Unruhe heraus entstehe.
Das nächste Treffen findet im November im Center One statt
Auf die Frage, wie man das Buch am besten lesen solle, sagte Professor Jeong Sun-il, die Antwort stehe bereits im Vorwort. So wie ein Hund ohne Leine auf einem Landweg leichtfüßig von Stein zu Stein springe, solle man sich an unbekannten buddhistischen Begriffen nicht festbeißen und mit ihnen ringen, sondern zunächst einfach bis zum Ende lesen. Wenn man das Buch später erneut aufschlage, könne sich der Blick öffnen, sagte er. Auf die Frage nach einer Übersetzung berichtete er außerdem, ein junger Forscher habe sich bereits bereit erklärt, eine erste englische Übersetzung anzufertigen.
Das Book Concert ist vorbei, doch der Dialog soll weitergehen. Ab dem 3. November findet sechs Wochen lang jeden Dienstag um 19 Uhr im Center One der Meditation Leadership Society in Haebangchon im Seouler Bezirk Yongsan ein gleichzeitig online und vor Ort stattfindender Kurs zur „Meditationsontologie“ statt.
Dort kann man nun unmittelbar die Geschichte hinter dem 33-mal überarbeiteten Inhaltsverzeichnis hören. Auch beim Verlassen des Saals blieb noch lange der Gedanke haften, den eigenen Atem mit dem Atem des Universums in Einklang zu bringen.
