Wie hilfreich ist es, Kindern Achtsamkeit beizubringen? Zu dieser Frage hat sich in den vergangenen etwa zwanzig Jahren zwar eine ganze Reihe von Studien angesammelt, zugleich gab es aber auch den Hinweis, dass die Ergebnisse stark streuen. Das US-Forschungsteam macht unter den Faktoren, die diese Streuung mitverursachen könnten, die eigene Meditationsgewohnheit der Forschenden aus. Grundlage sind 107 Studien zu achtsamkeitsbasierten Interventionen für Kinder und Jugendliche, die das Team erneut zusammenrechnete. Der Beitrag erschien in der Fachzeitschrift Psychotherapy and Psychosomatics, Band 95, Heft 4.

8.510 Datensätze an einem Ort gebündelt
Für die Analyse flossen 107 achtsamkeitsbasierte Interventionsstudien mit Kindern und Jugendlichen ein, 1.393 Kennwerte sowie Daten im Umfang von 8.510 Teilnehmenden. Die Studie mit einem durchschnittlichen Alter von etwa 12 Jahren (Spanne etwa 4 bis 19 Jahre) ist damit das bislang größte Projekt unter den Meta-Analysen zur Achtsamkeit bei Kindern und Jugendlichen. Die Forschenden ermittelten zugleich die Effektstärken der einzelnen Studien und codierten außerdem die von den Autorinnen und Autoren selbst offengelegten Angaben zur eigenen Meditationspraxis. Dabei ging es um drei Kriterien: Meditationsdauer in den letzten 24 Stunden, Meditationshäufigkeit in den letzten sieben Tagen und Anzahl der Jahre, in denen die Praxis bereits ausgeübt wird.
Die gesamte Effektstärke lag bei Hedges g 0,33 (95% Konfidenzintervall 0,27–0,39, p〈0.001). Im unteren Bereich bis in die mittlere Größenordnung hinein. Die Schlussfolgerung, dass Achtsamkeitsprogramme Kindern zwar helfen, der Effekt aber nicht dramatisch ausfällt, unterscheidet sich kaum von dem, was in diesem Feld bislang wiederholt gesagt wurde. Tatsächlich berichten auch frühere Meta-Analysen von ähnlichen Spannen (Hedges g 0,31 bis 0,32, Cohen d 0,16 bis 0,30).
Die entscheidende Trennlinie: die jüngste Praxis der Forschenden
Den Unterschied zeigte ein anderer Blickwinkel. In den Studien, in denen die Forschenden innerhalb der letzten 24 Stunden mindestens 30 Minuten meditiert hatten, stieg die Effektstärke auf g 0,51 (95% CI 0,35–0,66, p=0,05). Bei Studien mit Gruppen, die in den letzten sieben Tagen siebenmal oder öfter gesessen hatten, lag sie bei g 0,52 (95% CI 0,39–0,65, p〈0.01). Das sind mehr als das 1,5-Fache des Gesamt-Durchschnitts.
Die Meditationsbiografie – also wie viele Jahre die Praxis bereits andauert – hing dagegen nicht mit der Effektstärke zusammen (p=0,17). Nicht entscheidend war demnach, ob jemand lange dabei ist, sondern ob diese Person in dieser aktuellen Phase tatsächlich gerade sitzt. Von 97 Forschenden, die an einer Umfrage teilgenommen hatten, gaben zwar 95% an, sie hätten irgendwann einmal im Leben meditiert. Wer aber in den letzten 24 Stunden meditiert hatte, kam nur auf 57%. Das bedeutet: Die Mehrheit der Forschenden hatte zwar Meditations-Erfahrung, die Länge dieser Biografie hatte jedoch keinen Einfluss auf das Ergebnis – vorhergesagt wurde nur die tatsächliche, aktuelle Trainingsmenge.
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Warum kam es zu diesen Unterschieden?
Der Artikel stellt keine Kausalität als gesichert dar. Stattdessen nennt er drei mögliche Erklärungen. Erstens könnte es sein, dass Forschende, die Meditation selbst praktizieren, die feineren Punkte in der Achtsamkeitsliteratur sowie im Interventions- und Unterrichtsdesign besser verstehen und dadurch zu besseren Ergebnissen gelangen – der Professionalitätseffekt. Zweitens könnten Labore von Forschenden, die bereits besonders tief praktizieren, in einer warmherzigen und aufmerksamen Atmosphäre betrieben werden und so die Qualität der Programmvermittlung erhöhen – der Erfolgseffekt der Umgebung. Drittens könnten Forschende, die von der Wirksamkeit der Achtsamkeit überzeugt sind und selbst praktizieren, unbewusst das Studiendesign, das Sammeln von Daten und deren Interpretation so verzerren, dass es ihnen günstiger kommt – der Begeisterungseffekt. Offen bleibt zudem die Möglichkeit, dass zwischen Studien, in denen die Meditationsbiografie detailliert offengelegt wurde, und solchen ohne diese Angaben noch weitere Unterschiede verborgen sind.
Bemerkenswert ist, dass in dieser Analyse kein Hinweis auf Publikationsbias gefunden wurde. Um die Ergebnisse umzukehren, müssten zusätzlich 185 aussagearme Studien veröffentlicht werden, und auch nach einer Korrektur blieb die Effektstärke mit g 0,22 weiterhin signifikant. Teilt man die Ergebnisse nach Regionen auf, zeigt sich außerdem: Die Effektstärke der in Asien durchgeführten Studien lag bei g 0,54 – deutlich höher als in den anderen Kontinenten (Nordamerika 0,35, Europa 0,28, Australien 0,12). Der Beitrag geht zudem darauf ein, dass Achtsamkeit ihren Ursprung in der buddhistischen Praxis habe. Deshalb sei denkbar, dass in buddhisch geprägten Kulturräumen die Sprache, die Metaphern und das Lehrer-Schüler-Verhältnis der Programme natürlicher aufgefasst und akzeptiert werden.
Der korrespondierende Autor ist David C. Saunders von der Columbia University in der Abteilung für Psychiatrie, Co-Autorinnen und Co-Autoren sind Hedy Kober von der University of California, Berkeley, Abteilung für Psychologie. Die Mitautorinnen und Mitautoren sind am Fachbereich Psychiatrie der Yale University sowie am Yale Child Study Center angesiedelt. Die Angaben zur Meditationspraxis der Forschenden wurden unter Genehmigung durch die Institutional Review Board der Yale University in einer Online-Umfrage erhoben.
Welche Fragen bleiben in der Schule in Deutschland?
Auch in Deutschland nehmen in Schulen und bei Kommunen Programme zur Achtsamkeit für Kinder und Jugendliche zu. Von 2004 bis 2024 sind allein in inländischen Fachzeitschriften Studien zur Achtsamkeit bei Kindern und Jugendlichen im Umfang von 67 Beiträgen erschienen. Für Interventionen auf Basis von Achtsamkeit bei Jugendlichen werden Effektstärken von 0,85 bis 1,02 berichtet, und positive Ergebnisse sammeln sich seit Jahren kontinuierlich an.
Die Frage, die diese Studie aufwirft, zielt auf eine Ebene, die vor dem Inhalt der Programme oder der Anzahl der Sitzungen liegt. Nämlich darauf, ob die Lehrperson die eigene Praxis gerade jetzt tatsächlich weiterführt – und ob in das Programm eine Struktur eingebaut ist, die diese Praxis unterstützt. In den Qualifizierungsprozessen zur Ausbildung von Leitenden werden die Schulungszeit und die formalen Qualifikationsanforderungen relativ gründlich behandelt. Weniger diskutiert wurde dagegen, wie sich die kontinuierliche Praxis der Leitenden selbst konkret unterstützen lässt. Die Autorinnen und Autoren der Studie erklärten, sie hofften, dass diese Ergebnisse dazu beitragen, die Frage erneut zu stellen, welchen Einfluss persönliche Erfahrungen von Forschenden in der Achtsamkeitsforschung haben. Eine Antwort könne darin bestehen, den Leitenden Zeit zum Üben zu garantieren und eine regelmäßige persönliche Praxis als Teil des Programms zu konzipieren.
