Wenn Schmerz zum eigenen Selbst wird: Bei Menschen mit chronischen Kreuzschmerzen war ein Selbstnetzwerk im Gehirn aktiv, das eigentlich abschalten sollte

Langanhaltende Rückenschmerzen beschränken sich nicht auf eine Körperstelle. An schmerzhaften Tagen ändern sich die Pläne für den ganzen Tag, und man muss selbst abwägen, was man noch tun kann und was nicht. Ein Forschungsteam der UC San Diego School of Medicine hat nun Hinweise darauf geliefert, wie sich diese Erfahrung im Gehirn zeigt. In dem Moment, in dem die Schmerzen bei Bewegung hochschnellen, wird bei Menschen mit chronischen Kreuzschmerzen ein Hirnnetzwerk aktiv, das beim Nachdenken über das eigene Selbst zum Einsatz kommt. Die Ergebnisse wurden am 5. Oktober im Fachjournal British Journal of Anaesthesia veröffentlicht.

Langanhaltende Rückenschmerzen wirken sich nicht nur auf den Körper, sondern auch auf den Alltag und das Selbstgefühl aus. (Bild: KI-generiert)
Langanhaltende Rückenschmerzen wirken sich nicht nur auf den Körper, sondern auch auf den Alltag und das Selbstgefühl aus. (Bild: KI-generiert)

Nur ein Bein angehoben – und bei 114 Menschen war das Selbstnetzwerk im Gehirn aktiv

Das Forschungsteam untersuchte 114 Erwachsene, die seit mehr als zwölf Wochen unter Rückenschmerzen litten. Die Teilnehmenden absolvierten einen Test, bei dem sie ein Bein anhoben. Dieses standardisierte Verfahren dient dazu, Rückenschmerzen gezielt auszulösen. Währenddessen wurde der Blutfluss im Gehirn mithilfe der arteriellen Spinmarkierung gemessen, einem Verfahren der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT).

Als die Bewegung Schmerzen auslöste, wurde das Default-Mode-Netzwerk (DMN) im Gehirn aktiv. Dieses Netzwerk besteht aus miteinander verbundenen Bereichen im Stirn-, Scheitel- und Schläfenlappen und ist aktiv, wenn wir über uns selbst nachdenken. Daher bezeichnet das Forschungsteam es als Selbstnetzwerk. Je stärker die Schmerzen der Patientinnen und Patienten waren, desto ausgeprägter war die Verbindung zwischen diesem Netzwerk und dem primären somatosensorischen Kortex. Je stärker die Schmerzen beim Anheben des Beins waren, desto stärker war die Aktivität in den sensorischen und motorischen Hirnarealen. Anhand des Ausmaßes, in dem die Herzfrequenz während des Tests anstieg, ließ sich abschätzen, wie stark die Schmerzen zunahmen.

Bei einem Hitzereiz schaltete es sich ab, bei Rückenschmerzen ein

Es gab auch ein Vergleichsexperiment. Die Teilnehmenden erhielten an der Wade einen schmerzhaften, aber ungefährlichen Hitzereiz. Diesmal schaltete sich das Default-Mode-Netzwerk ab. Das ist die bekannte Reaktion des Gehirns auf plötzlich auftretende Schmerzen.

Der korrespondierende Autor, Professor Fadel Zeidan, erklärte, die Studie zeige erstmals, dass dieses Netzwerk in allen bisherigen Schmerzstudien bei Schmerzempfinden abgeschaltet war, bei Menschen mit chronischen Kreuzschmerzen jedoch aktiv wurde, wenn die Schmerzen hochschnellten. Das Forschungsteam deutete die Ergebnisse so, dass das Gehirn bei chronischen Kreuzschmerzen körperlichen Schmerz fälschlicherweise eng mit einem tief verankerten Selbstgefühl verknüpft. Professor Zeidan sagte, die heutige Schmerzmedizin konzentriere sich zwar darauf, Symptome zu beseitigen, doch diese seien nicht die Ursache chronischer Schmerzen.

Professor Fadel Zeidan von der UC San Diego School of Medicine leitete die Studie. (Foto: UC San Diego Health Sciences/Kyle Dykes)
Professor Fadel Zeidan von der UC San Diego School of Medicine leitete die Studie. (Foto: UC San Diego Health Sciences/Kyle Dykes)

Achtsamkeit wurde in dieser Studie nicht untersucht

In dieser Studie wurden Reaktionen des Gehirns beobachtet. Ob Achtsamkeitsmeditation diese Reaktionen verändert, wurde nicht untersucht. In einer Pressemitteilung der Universität wurde auf eine separate vorläufige Studie des Forschungsteams verwiesen. Darin hieß es, Achtsamkeitsmeditation und Psilocybin könnten dazu beitragen, das Schmerzerleben von der eigenen Identität zu lösen und so die Schmerzintensität zu verringern. Professor Zeidan beschrieb Achtsamkeit als Meditationstechnik, mit der man die Fähigkeit trainiert, den gegenwärtigen Moment ohne Urteil wahrzunehmen. Zugleich stellte die Pressemitteilung klar, dass diese Ergebnisse vorläufig seien und weitere Untersuchungen nötig seien. Das Labor von Professor Zeidan führt mehrere bildgebungsbasierte klinische Studien durch. Psilocybin wird in Südkorea als Betäubungsmittel eingestuft.

Was eine klinische Studie mit 342 Teilnehmenden vor zehn Jahren zeigte

Es gibt durchaus Studien, die sich zugleich mit Achtsamkeit und Rückenschmerzen befassen. Eine viel beachtete Untersuchung ist eine 2016 im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlichte Gemeinschaftsstudie des Group Health Research Institute und der University of Washington in den USA. Das Forschungsteam teilte 342 Menschen im Alter von 20 bis 70 Jahren mit chronischen Kreuzschmerzen nach dem Zufallsprinzip einer achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (MBSR), einer kognitiven Verhaltenstherapie oder einer Gruppe mit der üblichen Versorgung zu. Beide Programme fanden acht Wochen lang einmal wöchentlich für jeweils zwei Stunden statt.

Nach 26 Wochen hatte sich die Alltagsfunktion bei 61 Prozent der MBSR-Gruppe, 58 Prozent der Gruppe mit kognitiver Verhaltenstherapie und 44 Prozent der Gruppe mit üblicher Versorgung deutlich verbessert. Der Effekt war auch ein Jahr später kaum geringer. Die Forschenden stuften die Effektstärke als mittel ein. Das bedeutet, dass Achtsamkeit keine Behandlung ist, die Schmerzen beseitigt, sondern eine mögliche Option, die zusätzlich zur üblichen Versorgung in Betracht gezogen werden kann.

Nicht den Schmerz beseitigen, sondern Abstand zwischen sich und dem Schmerz schaffen

Eine Meditation, bei der man die Empfindungen im Körper wahrnimmt, kann Menschen, denen langes Sitzen schwerfällt, den Einstieg erleichtern. (Bild: KI-generiert)
Eine Meditation, bei der man die Empfindungen im Körper wahrnimmt, kann Menschen, denen langes Sitzen schwerfällt, den Einstieg erleichtern. (Bild: KI-generiert)

Die Botschaft dieser Studie für Menschen, die meditieren, lautet: Es gibt nun Hinweise, mit denen sich in der Sprache des Gehirns erklären lässt, warum es sinnvoll ist, Schmerz und Selbst nicht gleichzusetzen. Für Menschen, die lange unter Schmerzen leiden, wird der Schmerz leicht mehr als eine Empfindung – er kann zur Erzählung werden: „Ich bin ein Mensch, der Schmerzen hat.“ Vorübergehend Abstand zu dieser Erzählung zu gewinnen, ist der Kern der Achtsamkeit.

Für Menschen mit Rückenschmerzen kann langes Sitzen in der Meditation eine zusätzliche Belastung sein. Wer sich im modernen Alltag lange Zeit wenig bewegt, findet womöglich leichter Zugang zu Methoden, bei denen die Aufmerksamkeit den Körperempfindungen folgt: etwa einem im Liegen praktizierten Bodyscan, einer langsam ausgeführten Gehmeditation oder leichten, mit dem Atem verbundenen Bewegungen. Welche Methode passt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Bei starken oder lang anhaltenden Schmerzen sollte man sich zunächst an medizinisches Fachpersonal wenden. Meditation ersetzt keine Behandlung. Sie kann jedoch eine Möglichkeit sein, dem Alltag mit Schmerzen etwas Zeit für die eigene Fürsorge hinzuzufügen.

Kontakt zur Redaktion: fare3041@naver.com