
Schon wenn man an der Bergbahn aussteigt, verändert sich die Luft zuerst. Der Kōyasan in der japanischen Präfektur Wakayama ist ein Ort, in dem sich rund um ein Becken auf etwa 800 Meter Höhe mehr als hundert Tempel zu einer kleinen Ansiedlung gruppieren. Hier wird nicht nur mit Blick auf Sehenswürdigkeiten gelebt: Es ist ein Übungsort, dessen Tradition sich seit mehr als tausendzweihundert Jahren fortsetzt. Und die Tore dieses Übungsortes stehen auch für Reisende offen.
Kūkai gründete den Gebirgs-Übungsbezirk
Der Kōyasan ist das Zentrum des esoterischen Buddhismus, den der Mönch Kūkai (空海) im Jahr 805 unter dem Namen Kōbō Daishi ins Leben rief. Er war es, der nach seiner Rückkehr aus China – nachdem er dort die Vajrayana-Lehre gelernt hatte – diesen Berg zu seinem Übungsort machte. Seitdem sind im Laufe von eintausendzweihundert Jahren zahlreiche Tempel auf dem Berg entstanden, und auch heute halten sich noch immer über hundert Tempel dort.
Innerhalb des Berges gibt es drei Orte, die man unbedingt aufsuchen sollte. Okunoin, wo sich das Grabmal von Kūkai befindet, das zentrale Hauptheiligtum namens Danjō Kongōbu-ji sowie der Tempel Kongōbu-ji, der als die Hauptstätte des Shingon-Buddhismus gilt. Besonders der Pilgerweg zu Okunoin führt zwischen Hunderten Jahre alten Zedernbäumen hindurch und an Grabplatten vorbei, von denen es heißt, dass ihre Zahl mehr als zweihunderttausend Gig zu sein soll. Schon die Zeit, in der man diesen Weg geht, durch den selbst am Tag das Licht nur spärlich fällt, wirkt wie eine Übung.

Nacht im Tempel, Schukubō
Was den Kōyasan so besonders macht, sind die Schukubō (宿坊). Es handelt sich um Unterkünfte, die von den Tempeln selbst betrieben werden; auf dem Kōyasan empfangen mehr als 50 Tempel Reisende. Die Gäste gehen in die Räume, in denen die Mönche leben, und verbringen dort eine Nacht.
Die Übernachtungspreise liegen – inklusive Abend- und Frühstück – pro Person zwischen 10.000 und 40.000 Yen. Je nach Tempel und Zimmerkategorie sowie nach der Jahreszeit gibt es große Unterschiede. Da viele Tempel nur Barzahlungen annehmen, ist es sicherer, sich vorher entsprechend vorzubereiten.
Bei der Reservierung ist der offizielle Weg über die Website der Kōyasan-Schukubō-Vereinigung (koyasan-shukubo.net) am zuverlässigsten. Über die Vereinigung kann man auch per E-Mail oder Fax Reservierungen einreichen. Es gibt zudem Tempel, die man über Buchungsplattformen wie Booking.com oder Agoda erhalten kann.
Auch bei der Ankunftszeit gibt es Regeln. Da das Abend-Shokuhai in der Regel zwischen 17.30 und 18.00 Uhr beginnt, sollte man den Zeitplan so gestalten, dass man den Tempel spätestens vor 17 Uhr erreicht. Berücksichtigt man die Zeit, die der Aufstieg vom Bergfuß dauert, ist es am besten, in Osaka spätestens früh am Nachmittag abzufahren.

Shōjin-ryōri, das Abendessen aus vegetarisch zubereitetem Essen
Das Abendessen im Schukubō wird mit Shōjin-ryōri (精進料理) serviert. Es ist Tempelküche nach den Ordensregeln des Buddhismus: Es werden weder Fleisch noch Fisch und Meeresfrüchte verwendet. Als typische Zutaten kommen Konnyaku, Yuba (Tofuflocke) und Kōyā-Dōfu auf den Tisch. Das Kōyā-Dōfu ist gefriergetrockneter Tofu, der nach dem Namen dieses Berges benannt ist, und geht auf die Methode zurück, bei Winterkälte den Tofu einzufrieren, ihn dann wieder zu trocknen.
Die Speisen sind schlicht, doch die Zusammenstellung ist dicht. Suppe und Reis, dazu eingelegtes Gemüse sowie gedünstete und frittierte Komponenten werden in kleinen Schüsseln serviert. Da die Zubereitung keine kräftigen Aromen erzwingt, kann es einem anfangs eher mild vorkommen. Doch nach einem ganzen Tag voller Wege wirkt diese Schlichtheit ganz anders.
Morgen-Gongyo und Ajikan-Meditation
Der Grund, warum man im Schukubō übernachtet, liegt zur Hälfte am Morgen. Die Morgen-Gongyo-Zeremonie im Tempel beginnt meist gegen 6 Uhr und dauert etwa 30 bis 45 Minuten. Während der Rezitation der Sutren durch den Oberpriester und die Mönche und beim Verbrennen von Räucherwerk nehmen auch die Übernachtungsgäste an der Zeremonie teil. Nach Ende der Gongyo-Zeremonie gibt es das Frühstück etwa um 7 Uhr herum.
Wer eine Meditations-Erfahrung sucht, sollte Ajikan (阿字観) genauer in den Blick nehmen. Es ist eine Praxis, bei der angehende Übende im Shingon-Buddhismus die Einheit von Buddha und Übendem betrachten, und sie richtet sich auf das Sanskrit-Zeichen „A“ („阿“). Häufig findet sie am späten Nachmittag statt; da nicht jeder Tempel sie anbietet, sollte man bei der Buchung prüfen, ob Ajikan angeboten wird.
Auch das Shakyō (写経), bei dem man die Hannya-Shingyō mit der Hand abschreibt, ist weit verbreitet. Man kann sich im Daiši-kyō-kai-Zentrum erkundigen und teilnehmen. Weil sich die Atmung ganz von selbst verlangsamt, während man Buchstabe für Buchstabe den Pinsel bewegt, ist diese Methode auch für Menschen zugänglich, denen Sitzen bei der Meditation schwerfällt.
Darüber hinaus gibt es eine Einweihungszeremonie namens Kechienkanjō (結縁灌頂), die im Frühling und im Herbst stattfindet. Im Frühling läuft sie vom 3. Mai bis zum 5. Mai, im Herbst vom 1. Oktober bis zum 3. Oktober; die Teilnahmegebühr beträgt pro Mal 3.000 Yen. Es ist eine seltene Gelegenheit, bei der Laien eine traditionelle Zeremonie des Shingon-Buddhismus erleben können.

So kommt man hin – und was man mitnehmen sollte, Kleidung
Der übliche Weg zum Kōyasan führt mit der Nankai-Eisenbahnlinie Kōyasan von Osaka aus. Man steigt am Bahnhof Namba in den Zug ein und fährt bis zur Endstation Kōkurakubashi, wechselt dann zur Seilbahn und steigt an der Station Kōyasan ein, bevor man erneut in den Bus umsteigt und ins Zentrum des Ortes fährt. Es werden auch „Kōyasan-World-Heritage-Tickets“ verkauft, die Zug, Seilbahn und Bus bündeln.
Wie lange man auf den einzelnen Strecken braucht und welche Kosten anfallen sowie der Ticketpreis variieren je nach Zeitpunkt und Zugtyp (Express, Schnellzug). Am genauesten ist es, beim offiziellen Fahrplan der Nankai-Eisenbahn die Abfahrtszeiten am Tag der Reise sowie die Preise zu prüfen.
Von den Mitbringseln ist die Kleidung leicht zu vergessen. Der Kōyasan ist ein Bergbecken, in dem es kälter ist als im Stadtzentrum von Osaka. Selbst im Sommer ist es zu den Zeiten der Morgen-Gongyo kühl, und von Ende Herbst bis in den frühen Frühling hinein wird es deutlich kalt. Unabhängig von der Jahreszeit ist es ratsam, eine zusätzliche Außenschicht mitzunehmen.
Der Kōyasan als Reiseziel für eine Meditationsreise
Ein großer Pluspunkt des Kōyasan als Ort für eine Meditationsreise liegt darin, dass es dafür kein gesondertes Erlebnisprogramm gibt. Die Morgen-Gongyo-Zeremonie, an der Reisende teilnehmen, ist keine Veranstaltung, die für Touristen gemacht wurde, sondern der Alltag, den der Tempel täglich vollzieht. Auch das Shōjin-ryōri, das am Abend aufgetragen wird, ist dasselbe Essen, das die Mönche zu sich nehmen. Wenn man den Tag an den Stundenplan des Tempels anpasst, findet man sich – ohne besondere Zusatzprogramme – in den Rhythmus der Übungsgemeinschaft hinein.
Auch die Erreichbarkeit ist für koreanische Reisende nicht schlecht. Da man von Osaka aus am selben Tag hin und zurück kann, lässt sich die Reise gut so planen, dass man im Programm der Region Kansai einen oder zwei Tage anhängt. Wer bereits Tempelaufenthalte in Korea erlebt hat, kann außerdem den Reiz darin finden, die Übungskultur von Bergtempeln in beiden Ländern miteinander zu vergleichen.
Wenn man die Termine plant, braucht man nur eine Sache im Kopf zu behalten. Der Kōyasan ist kein Ort, an dem man alles schnell abarbeitet. Man steigt am Nachmittag auf, geht langsam den Pilgerweg nach Okunoin entlang, lässt sich das Abendessen servieren, legt sich früh schlafen und richtet die Augen im Morgengrauen wieder auf – im Duftnebel aus Räucherwerk. Was dieser Berg Reisenden bietet, ist genau diese eine Runde.
- Offizielle Reservierungsseite der Kōyasan-Schukubō – https://koyasan-shukubo.net/en/
